Die
Hölle Im Verborgenen
von Callisto
Charaktere: Jack/Tony
Kategorie: Drama
Thema: Schließt unmittelbar an Staffel
4 an. Nach seinem vorgetäuschten Tod kämpft Jack mit
seinen Dämonen, bis Tony ihn aufspürt.
Rating: R
Word Count: 7734
Warnungen: Jack ist unheimlich, wirklich
unheimlich deprimiert!
Anmerkungen: gehört alles ausnahmslos
24, kein Geld... !
Jack atmete tief ein,
hielt einen Moment die Luft an, und ließ sie dann
langsam wieder entweichen. Immer noch spürte er das
Adrenalin in seinem Körper, auch wenn die Anspannung
langsam begann nachzulassen. Den Augenblick, in dem er
sich beruhigt haben, sein Atem wieder gleichmäßig
fließen und sein Verstand imstande sein würde, die
Geschehnisse des vergangenen Tages zu verarbeiten, diesen
Augenblick fürchtete er am meisten.
Er kannte das Gefühl zu gut. Hatte es bereits zu oft
erlebt.
Sobald die Müdigkeit einsetzte, sein Körper nach
Entspannung zu schreien begänne, würden all die mühsam
verdrängten Gefühle wieder auftauchen, für die er sich
im Strudel der Ereignisse keine Zeit hatte nehmen können,
oder wollen. Die Bilder holten ihn dann unaufhaltsam mit
einer Macht ein, die ihn zu einem wehrlosen Opfer seiner
Vorstellungskraft werden ließ.
Menschen, die er verloren hatte, Menschen, die durch
seine Schuld den Tod gefunden hatten, Menschen, die er
selbst getötet hatte, sie alle sahen ihn an, ließen
sich nie mehr verjagen, verwandelten ihn Schritt für
Schritt in ein gefühlloses Monster, je länger er es
ertrug mit ihnen zu leben.
Damals, nach Teris Tod war er zum ersten Mal
zusammengebrochen, monatelang unfähig den Schmerz
zu ertragen. Zurück im Dienst hatte er automatisch
funktioniert, war sich nicht bewusst gewesen, wie stark
sich sein Inneres verhärtet hatte, bis er gespürt hatte,
dass es nicht mehr weiterging. Und dann waren es die
Drogen, die ihm geholfen hatten weiterzumachen, vor allem
nach der qualvollen Zeit in Mexiko!
Er schloss die Augen und versuchte das Unausweichliche
noch einen Moment heraus zu zögern.
Pauls Gesicht blitzte vor ihm auf, Audreys anklagende
Augen, doch es gab noch so viel mehr in seiner Seele
Verschüttetes, Dinge, an die zu erinnern, er sich
verboten hatte, aus Angst dem Gefühl von Schuld und
Scham noch einmal zu erliegen. Sie hatte funktioniert,
seine Selbstkontrolle war der Schutzwall, hinter dem sich
die Albträume verbargen, Albträume, die er gehofft
hatte, eines Tages los sein zu können.
Claudia - auch sie hatte er geliebt, verzweifelt, in
selbstmörderischer Absicht, doch er hatte sie geliebt.
Auch die Schuld für ihren Tod musste er tragen und es
war offensichtlich, dass er weit davon entfernt war, sich
damit abzufinden. Zu schnell war zu viel passiert! Der
Tod so vieler Menschen, die Gefahr, die Erleichterung Kim
nicht verloren zu haben. Und dann der Entzug, das
Verteidigungsministerium, die Arbeit, genügend Probleme,
die jeden Tag von Neuem wieder zu lösen waren und die,
sofern er es verhindern konnte, auch keine Zeit ließen
für die Vergangenheit.
Wozu auch, er hatte abgeschlossen, hatte akzeptiert, was
und wie er war, und versucht nach vorne zu gehen. Bis vor
noch nicht einmal 30 Stunden war er mit sich im Reinen
gewesen.
Audreys Schreie, Marwans Blick als er stürzte, Paul, der
sich vor ihn geworfen hatte... , die Albträume würden
wieder kommen. Und diese war er noch nicht gewohnt.
Schmerzerfüllt riss Jack seine Augen wieder auf. Es
konnte nicht mehr lange dauern, die Blicke, die Schreie,
sie wurden stärker und lauter, sie verdrängten das
Wenige, das er in seinem erschöpften Zustand noch von
der Realität wahrnahm.
Es war heiß, die Sonne glühte vom Himmel und schien die
Wüste noch mehr auszutrocknen. Seine Zunge fühlte sich
trocken an, wie Sandpapier, doch er widerstand dem Drang
etwas zu trinken. Er wusste, dadurch würde es nicht
besser werden. In der flimmernden Hitze vor ihm konnte er
undeutlich die Umrisse des winzigen, beinahe unbekannten
Ortes entdecken, der sein erstes Ziel werden sollte.
Sein erstes Ziel in einem neuen Leben.
Ein trockener Husten schüttelte ihn und er blieb einen
Augenblick stehen.
Noch vor wenigen Stunden hatte er sich frei gefühlt, es
war ihm vorgekommen, als wäre ihm auf einmal eine
schwere Last von den Schultern genommen worden, die
unerträgliche Bürde seines Lebens! Er hatte es nicht
mehr gewollte, mehr als einmal hatte er versucht, ihm zu
entrinnen, doch dieses Mal war es etwas anderes. Jack
Bauer war tot, und so sehr es ihn auch schmerzte die
Menschen, die ihm etwas bedeuteten, die sein Leben
bestimmt hatten, zurückzulassen, das Bewusstsein der
vollkommenen Freiheit war überwältigend gewesen.
Kein Gedanke an die Zukunft, kein Plan, nichts mehr, es
gab ihn nicht mehr und würde ihn niemals wieder geben!
Der Sonnenaufgang mit seinen leuchtenden,
verheißungsvollen Farben war ihm erschienen wie eine
Götterdämmerung und das Blut, das durch seine Adern
rauschte, sein Herz, das immer noch in seiner Brust
hämmerte, hatten ihn vorwärtsgetrieben, einem neuen
Schicksal entgegen.
Doch dieser Rausch war nun schnell verflogen, er hätte
es wissen müssen, vor allem konnte er davon laufen, nur
nicht vor den eigenen Dämonen. Sie verfolgten ihn immer
und überall hin, egal wie sicher er sich war, ihnen
entkommen zu sein.
Und dann hatten sie ihn eingeholt. Seine Vergangenheit
ergriff ihn und er spürte, dass ihn die Kraft verließ,
sich noch länger zur Wehr zu setzen. Wenn er die ersten
Häuser erreicht haben würde, bliebe ihm nichts anderes
übrig, als sich irgendwo ein Zimmer zu suchen, die Tür
hinter sich zu verriegeln, und die Albträume kommen zu
lassen.
Irgendwann würden sie vorüber sein, und vielleicht
bekäme er noch einmal die Chance sie tief in seiner
Seele zu verschließen, so tief, dass er sie von Zeit zu
Zeit sogar vergessen könnte!
* * *
Es waren mehrere Tage
vergangen, und er steckte noch immer in der Wüste fest.
Nicht, dass ihn irgendetwas daran gehindert hätte
weiterzuziehen, er konnte nur die Energie dazu nicht
aufbringen.
Er war alleine, es gab buchstäblich niemanden, der sich
für einen Fremden interessierte, der beschlossen hatte,
für eine Weile hier unterzukriechen. Die wenigen
Bewohner des Ortes hatten genügend eigene Sorgen, als
dass sie sich um jemanden kümmern würden, der sich
ohnehin nur auf der Durchreise befand, wie er von
vornherein klar gestellt hatte. Außer ihm wohnte niemand
in diesem Haus, der Wirt tauchte unregelmäßig, aber
sehr plötzlich auf, so dass Jack sich daran erinnert
fühlte, auf der Hut zu sein.
Manchmal kam es ihm in den Sinn, dass möglicherweise
niemand ein Gespräch mit ihm suchte, weil er nicht der
erste war, der die Idee hatte, sich in diesem abgelegen
Fleckchen Erde zu verstecken. Warum sollte er der erste
sein, und warum sollten nicht schon Menschen hier
Zuflucht gesucht haben, die, wie er, eine Vergangenheit,
bestehend aus Gewalt und Tod, mit sich trugen.
Es war nur einer seiner Albträume und beileibe nicht
einer der schlimmsten, der ihm Bilder zeigte in denen er
entdeckt und fortgeschafft wurde. Ob von der eigenen
Regierung, den Salazars, einer der anderen Gruppierungen,
deren Hass er auf sich geladen hatte - für ihn gab es
keinen Unterschied. Er wusste, sie alle taten nur das,
woran sie auch glaubten, und er wäre der Letzte, der es
ihnen vorwerfen würde.
Dennoch war es dumm, hier zu bleiben, dumm und
gefährlich. Nicht nur für ihn, sondern auch für die
Menschen, die ihm dabei geholfen hatten, sein Leben zu
retten. Ihnen schuldete er es, sich einen besseren Ort zu
suchen, einen Platz, der weiter entfernt war von allem,
das ihm bisher etwas bedeutet hatte. Obwohl er sich
ständig klar machte, wie unwahrscheinlich es war, dass
jemand nach ihm suchen sollte, dazu noch in unmittelbarer
Nähe von Los Angeles, blieb doch das vertraute Gefühl
konstanter Bedrohung bestehen.
Und dennoch konnte er nicht aufbrechen.
Das Zimmer hatte er im voraus, in dem sicheren Wissen,
dass er es niemals länger als höchstens zwei Tage
bewohnen würde. Diese waren schneller vergangen, als ihm
bewusst geworden war. Seine Müdigkeit, die Träume, die
ihn auch im Wachzustand plagten, der Selbstgebrannte, den
ihm sein Wirt immer wieder anbot, und den er dankbar
annahm in der Hoffnung von seinen Gedanken befreit zu
werden - wenn auch nur für eine kurze Zeit - all das,
zusammen mit der verzweifelten Anstrengung sich nicht
erinnern zu wollen, machten es ihm kaum möglich sein
Zimmer zu verlassen, in dem er ursprünglich nur für ein
paar Stunden geplant hatte zu bleiben.
Vielleicht war es der Kampf gegen die Erinnerungen, die
in diesem Zimmer jederzeit präsent zu sein schienen, und
die er sich immer noch mit aller Kraft weigerte,
zuzulassen; dieser Kampf , der ihm den Willen nahm
vorwärts zu gehen.
Freiheit bedeutete für ihn auch Einsamkeit, und in
dieser Einsamkeit schienen seine Dämonen von Stunde zu
Stunde an Stärke zu gewinnen. Den Wagen hörte er
in einiger Entfernung anhalten, leise Stimmen murmelten,
bis der Wüstenwind die Geräusche verstreute und
weitertrug.
Ein Reflex ließ ihn in einer schnellen, fließenden
Bewegung aufstehen und durch einen Spalt im Vorhang sehen.
Zwei Männer ,die in Anzügen bei diesen Temperaturen
ausgesprochen unpassend gekleidet waren, stiegen aus dem
Auto, und wandten sich Jacks Hauswirt zu, der
bereits auf sie zu wartete. Mehr brauchte Jack nicht zu
sehen.
Jahrelange Übung in raschem, überlegten Handeln ließen
ihn automatisch funktionieren. Seine Müdigkeit
verschwand an diesen Ort in seinem Inneren, den er
abriegeln konnte, wenn es sein musste.
Rasch suchte er seine wenigen Habseligkeiten zusammen,
beseitigte offensichtliche Spuren seines Aufenthalts und
platzierte die Waffe im Gürtel, bevor er das Zimmer, das
ihm zu wenig Ruhe geschenkt hatte, verließ und sich auf
den Weg machte, den er bereits am ersten Tag seines
Aufenthaltes festgelegt hatte. Nachdem er durch das
schmale Dachfenster geklettert und mit einem Sprung auf
dem staubigen Boden des Hinterhofes gelandet war, lief er,
jede Deckung ausnutzend, zur Scheune des Nachbarhauses,
in der sich, wie er wusste, ein Truck befand.
Ein Bündel Geldscheine versteckte er in einem
zerbrochenen Regal und stieg in den Wagen, den er im
Bruchteil einer Sekunde aufgebrochen und kurzgeschlossen
hatte. Langsam und geduldig fuhr er rückwärts aus der
Scheune in Richtung Straße, darauf achtend keine
unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.
Erst einige hundert Meter entfernt von der kleinen
Ansammlung schäbiger Häuser mitten im Nirgendwo, wagte
es Jack Gas zu geben. Der Motor heulte auf und der Truck
schoss über die holprige Straße, gewährte ihm einen
Moment des Aufatmens.
* * *
Wasser trieb ruhig und
stetig gegen das Ufer in einem gleichmäßigen, sich
niemals verändernden Rhythmus. Das Rauschen der Wellen
wirkte beruhigend, friedlich, beinahe hypnotisch. Jack
konnte den Blick nicht vom Horizont wenden, versuchte die
Grenze zu erkennen, die Meer von Himmel trennte. Es war
unmöglich, alles verschwamm in der Ferne in dunstigen
blaugrau schimmernden Tönen.
Jack ließ den feinen Sand durch seine Finger rieseln. Er
hatte das Gefühl für Zeit verloren. Wie viele Wochen
verbrachte er jetzt schon in diesem abgelegenen Teil
Mexikos? Er hatte aufgehört die Tage zu zählen.
Was für einen Zweck sollte es auch haben? Sie vergingen
einer nach dem anderen, eintönig und einsam, so einsam
wie er in seinem ganzen, von Hektik, Anspannung und
Schmerz angefüllten Leben, noch nie gewesen war.
Manchmal glaubte er sich in einem Traum zu befinden, aus
dem er jeden Moment wieder aufwachen konnte, um wieder
umgeben zu sein von Schrecken, Blut und Gewalt, umgeben
von der Welt wie er sie kannte.
Lass los, Jack, sieh nach vorne..., versuchte
er sich jedes Mal zu sagen, wenn die Erinnerungen oder
die Vorstellungen von dem, das, als Folge seines
Untertauchens, geschehen könnte oder geschehen würde,
ihn zu überwältigen drohten.
Schon einmal, nach dem Tod seiner Frau, war er in diesen
Abgrund gestürzt, hatte sich von allem zurückgezogen.
Aber damals waren noch Menschen, die ihm etwas bedeuteten
um ihn gewesen, Menschen, denen es schließlich gelungen
war, ihn wieder aus seiner Verzweiflung
herauszuholen, ihm zumindest eine weitere Chance zu geben.
Auch als er mit seiner Drogensucht gekämpft hatte, er
war doch niemals vollkommen allein gewesen. Er hatte
geglaubt, genau das wäre damals sein Wunsch gewesen,
doch nun wusste er es besser!
Er wusste auch, dass es bessere Orte für ihn gab, als
ausgerechnet diesen Teil von Mexiko, und dennoch konnte
er sich nicht dazu bringen, weiter zu ziehen. Unbemerkt
zuckte ein Lächeln über seine Gesichtszüge bei dem
Gedanken, was der zuständige Psychologe in der CTU zu
seinem Verhalten sagen würde, das alles hatte er nicht
nur einmal gehört. Sein Bestreben sich ständig in
Gefahr, in die Unmöglichste aller Situationen zu begeben,
wäre der sicherste Hinweis auf eine tief sitzende
Tendenz zu Selbstzerstörung.
Zumindest diesen Sieg würde er eines Tages davon tragen,
und je länger er sich mit dem Zeichen der Salazars in
der Haut eingebrannt, sehen ließ, um so wahrscheinlicher
wurde es, dass ihn jemand wiedererkennen würde.
Und genau das war der Grund, warum er blieb. Was sollte
er noch auf dieser Welt, wenn er das Schicksal nicht mehr
herausfordern konnte, egal wie kindisch und
verantwortungslos dieses Verhalten auch sein mochte.
Er seufzte und bemühte sich die Trägheit, die ihn in
ihren Klauen hielt, abzuschütteln, und bei dem Vorsatz
zu bleiben, den er schon seit Tagen in die Tat umsetzen
wollte. Es war Zeit sich bei Tony zu melden. Sie hatten
in dem Wirbel der Ereignisse seines letzten Tages als
Jack Bauer, sich das gegenseitige Versprechen abgenommen,
in losem Kontakt zu bleiben. Anderes wäre für ihn
undenkbar gewesen, er musste sich vergewissern können,
dass es Kim gut ging. Und Tony hatte darauf bestanden,
für den Fall, dass sich irgendetwas Neues ergeben würde,
eine Entwicklung einträte, durch die sich die Situation
grundlegend ändern könnte. Nur zu gern war er auf
seinen Vorschlag eingegangen, vor allen anderen war
gerade Tony viel zu gut in seinem Job, als dass dabei
irgendetwas an Außenstehende durchsickern könnte.
Nach dem Anruf würde er aufbrechen müssen und sich ein
neues Versteck suchen. Anderes wäre nach so kurzer Zeit
schiere Dummheit, davon abgesehen, dass er es niemals
riskieren würde auch nur den leisesten Verdacht auf den
Freund zu lenken.
Die Schatten sanken langsam, der Wind wurde frischer, und
Jack ertappte sich dabei, wie er sehnsuchtsvoll an die
Flasche Tequila dachte, die in seinem Zimmer im Schrank
stand, und die ihm auch in dieser Nacht wieder beim
Einschlafen helfen würde.
Doch vorher würde er mit Tony sprechen.
Langsam schlenderte er in Richtung, des kleinen
Fischerortes, der seine Zuflucht geworden war, und
stoppte vor der einzigen Telefonzelle, die ein wenig
versteckt neben einem verfallen wirkenden Gebäude,
selbst so aussah, als wäre sie nur noch ein Relikt aus
früheren Zeiten, das mit dem Boom des Mobilfunkes seinen
Sinn und Zweck verloren hätte. Aber Jack war nur zu
bewusst, dass für einen großen Teil der Menschheit, ob
hier oder anderswo, die Tatsache überhaupt Zugang zu
einem Telefon zu haben, eine Art von Luxus bedeutete.
Natürlich hatte er die Funktion getestet und bereits vor
24 Stunden an Tonys Anschluss die verabredete Anzahl von
Klingeltönen ertönen lassen. Er wusste, dass Tony
seinerseits, sollte nicht etwas Unaufschiebbares
dazwischen gekommen sein, an einer sicheren Leitung auf
ihn warten würde! Tony sprach als Erster.
Es ist gut deine Stimme zu hören.
Ja, deine auch.
Ein unangenehmes Schweigen entstand. Jack hatte nicht
geglaubt, dass es ihm so schwer fallen würde zu sprechen,
und offensichtlich war es für Tony auch nicht einfacher!
Ist alles in Ordnung?
Ja, und bei dir?
Auch!
Der Familie geht es gut? fügte Jack etwas
unsicher hinzu!
Alles bestens. Kein Grund sich Sorgen zu machen!
Um ein Haar hätte Tony sich auf die Zunge gebissen.
Dieser letzte Satz könnte im schlimmsten Fall als ein
Hinweis aufgefasst werden. Und doch war es praktisch
ausgeschlossen, dass jemand dieses Gespräch mitbekommen
würde, nicht nach all den Vorsichtsmaßnahmen, die Chloe
und er getroffen hatten. Trotzdem mussten sie sich
daran erinnern, vorsichtig zu bleiben.
Aber die Erleichterung, die er aus Jacks Stimme
heraushören konnte, war das Risiko wert.
Was macht die Arbeit?
Alles beim Alten, das übliche Einerlei eben!
Jack blieb eine Moment still. Also war Tony noch in engem
Kontakt zur CTU, eventuell doch wieder dort beschäftigt.
Er wunderte sich ein wenig, wollte aber nicht riskieren,
dass sich ihre Unterhaltung zu sehr in die Länge zog.
Ich muss wieder los. Du weißt ja, die Frau und die
Kinder lassen einem keine ruhige Minute! Aber wir hören
wieder voneinander!
Sicher! antwortete Tony mit so viel Wärme in
seiner Stimme, dass Jack unwillkürlich schlucken musste.
Pass auf dich auf, du weißt noch was der Arzt zu
deinen Cholesterinwerten gesagt hat?
Ok, dann mach´s gut!
Ja, und du auch, wollte Tony noch hinzufügen,
aber in der Leitung hatte es schon geklickt. Zumindest
wusste Jack nun, dass es Kim gut ging und konnte nach
vorne blicken, ein Gedanke, der Tony für den Freund
hoffen ließ.
Nach den versteckten Hinweisen war er also im Süden,
dabei, sich weiter in diese Richtung zu bewegen und bis
jetzt schien niemand etwas von dem Betrug zu ahnen.
Zumindest das war beruhigend. Tony seufzte, und begann
mit der Hand seinen Nacken zu massieren. Irgendetwas war
an der ganzen Sache nicht richtig. Seine Intuition sagte
ihm überdeutlich, dass irgendetwas grundlegend schief
lief. Er kannte Jack lange genug, um im Ton seiner Stimme
lesen zu können. Und doch konnte er an den Tatsachen
nichts ändern, zumindest jetzt noch nicht. Doch das
musste nicht so bleiben, nicht wenn es nach ihm ginge.
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf, doch es gelang ihm
diesen gleich wieder abzuschütteln. Nein, Jack
würde in jedem Fall einen Bogen um Mexiko machen.
Ausgeschlossen, dass er sich freiwillig wieder in dieses
Land begeben würde. Dafür saßen die Wunden zu tief.
Und doch wünschte Tony mit einem Mal, er hätte sich
mehr dafür eingesetzt, dass Jack sich diese Tätowierung,
die ihn für alle Zeit an die Salazars zu ketten schien,
endlich entfernen ließe. Jacks Blick hatte sich jedesmal
bei diesem Thema verdunkelt, und letztlich hatte Tony es
akzeptiert, dass ein selbstquälerischer Teil seiner
Selbst, ihn dazu zwang, sich diese Zeit immer wieder in
Erinnerung zu rufen.
Tony stand auf. Es war Zeit nach Hause zu gehen, wo
Michelle auf ihn warten würde. So schwer es ihm auch
fiel, alles andere musste warten.
* * *
Jack blickte in sein Glas
mit der glänzenden Flüssigkeit, in der sich das matte
Licht der Glühbirne spiegelte.
Die matte Erschöpfung,
die ihn den Tag über gelähmt hatte, wich mit jedem
weiteren Schluck dem Gefühl der tiefen Müdigkeit. Es
würde nicht mehr lange dauern, und er würde nichts mehr
denken, nichts mehr fühlen. Er würde einfach nicht mehr
existieren, und nichts wünschte er sich sehnlicher.
* * *
Die Luft in dem schäbigen
Mietwagen war unerträglich. Tony wünschte zum
wiederholten Male, dass sich die Fenster öffnen ließen,
oder das Auto mit dem offenen Dach nicht schon vergeben
gewesen wäre. Mit der linken Hand wischte er sich den
Schweiß von der Stirn und wunderte sich wieder einmal,
wie sehr er, trotz seiner lateinamerikanischen Herkunft
unter der drückenden Hitze litt.
Aber es war nicht nur die Hitze, die ihm zu schaffen
machte, oder die Umwege, die er seit zwei Tagen nahm, um
jedwede Möglichkeit einer Verfolgung, auch wenn sie
extrem unwahrscheinlich sein mochte, definitiv
auszuschließen. Unter ständigem Richtungswechsel
näherte er sich in weiten Kreisen den Koordinaten, die
er während Jacks letztem Anruf hatte ermitteln können.
Und das war der eigentliche Grund für seine Sorgen, die
Tatsache, dass das unerklärliche Gefühl, das er seit
Monaten nicht imstande gewesen war, abzuschütteln, einer
beunruhigenden Gewissheit gewichen war.
Oberflächlich gesehen war alles, den Umständen
entsprechend, in Ordnung, keine unerwarteten Vorkommnisse,
die den Grund für eine Verdächtigung, egal welcher
Seite, geliefert hätten. Das war es auch, womit er
Michelle und Chloe beruhigt hatte, wenn sie abwechselnd,
in jüngster Zeit allerdings immer seltener, mit dieser
einen Frage in ihren Augen, zu ihm gekommen waren. Es
bestand nicht der geringste Verdacht, dass Jack Bauer
noch am Leben sein konnte, das Thema war abgeschlossen,
und für die wenigen Leute, die die Wahrheit kannten,
blieb nur noch, das Geheimnis für sich zu behalten,
möglichst bis an ihr Lebensende.
Ein Umstand, mit dem sie sich alle ohne Bedenken bereit
erklärt hatten zu leben. Wenn, ja wenn nicht das Einzige
eingetreten wäre, auf das er nicht vorbereitet gewesen
war.
Nicht, dass Jack ihm während ihrer kurzen, vorsichtigen
Telefonate einen Hinweis gegeben hätte , sei es bewusst
oder unbewusst. Er hatte jedesmal geklungen, wie man es
von jemandem erwarten konnte, der dem Tod oder
Schlimmeren gerade noch einmal entkommen war, und einen
Neustart begann, ohne die Bande zu seiner Familie restlos
kappen zu können. Aber für Tony gab es keinen
Zweifel, dass Jacks jahrelange Übung im Verbergen der
wirklichen Situation auch hier zum Einsatz gekommen war.
Es war ihm einfach unmöglich geworden den Gedanken
beiseite zu schieben, und Jack den Weg gehen zu lassen,
den er anscheinend gewählt hatte. Dazu schuldete er ihm
zu viel.
Tonys Verdacht hatte sich endgültig bestätigt, nachdem
es ihm gelungen war, Jacks Aufenthaltsort zu lokalisieren.
Danach hatte es ihn nicht viel Überlegung oder Planung
gekostet, um so schnell wie möglich aufzubrechen. Er
hatte verschiedene Spuren gelegt, Michelle, Bill und
Audrey unterschiedliche Ziele genannt und es war kein
Problem gewesen einen Kurzaufenthalt ungeplanter Länge
mit der Vorbereitung einer längst überfälligen
Operation zu begründen.
Was auch immer es war, das Jack in Mexiko festhielt, er
würde ihm klar machen müssen, dass es das Risiko nicht
wert war.
Die Hitze war unerträglich. Tony erinnerte sich an
seinen letzten Aufenthalt in diesem Land, es war ein Tag
wie dieser gewesen.
Eine niederdrückende Schwüle lag in der Luft, raubte
den Atem. Mit Sicherheit würde es heute Nacht gewittern,
er konnte es daran erkennen wie ihm der Schweiß in
Bächen herunterlief, als ob er das bevorstehende
Regenwetter vorwegnehmen wollte.
Die Dämmerung begann sich anzukündigen und Tony
erkannte, dass er das Gebiet erreicht hatte, von dem aus
Jack das letzte Mal mit ihm gesprochen hatte. Der Ort war
so versteckt und abgelegen, dass es im Grunde nicht
schwierig sein dürfte, einen Americano hier ausfindig zu
machen. Es würde reichen, Ohren und Augen offen zu
halten. Er selbst würde nicht auffallen, aber für Jack
dürfte ein Gang durch die Gemeinde wie ein
Spießrutenlauf aussehen. Wieder fühlte sich Tony
zurückversetzt in die Zeit, die Jack bei den Salazars
verbracht hatte, und an die vielen unklaren und
beunruhigenden Eindrücke, die er nach seinem letzten
Besuch dort mit zurück in die CTU genommen hatte. Jacks
Haut war braungebrannt gewesen, fast ebenso wie die der
anderen in Ramons Organisation, wodurch seine Haare in
der Sonne schon beinahe weiß erschienen waren, seine
Augen von einer Helligkeit und Größe, die er nie
vergessen würde. Dass Jack nicht er selbst gewesen war,
war Tony spätestens bei diesem Anblick klar geworden.
Das waren nicht nur die Drogen und die Anspannung
während einer derart langen Mission gewesen, Jack war
nahe daran gewesen sich selbst zu verlieren, und es war
nicht zu leugnen, dass er ein Stück von sich in diesen
Tagen unwiederbringlich verloren hatte.
Tony zwang sich in der Gegenwart zu verweilen und
entschloss sich einen Platz für den Wagen und, wenn
möglich, einen Unterschlupf für die Nacht zu suchen.
Entweder er hatte Glück, und fand Jack noch bevor das
Gewitter losbrach, oder er würde seine Suche weiter
ausdehnen müssen.
Da sich nur einen kleinen Fußmarsch entfernt eine
versteckte indianische Kultstätte befand, die hin und
wieder von wenigen Archäologen und Interessierten
aufgesucht wurde, gelang es Tony ziemlich schnell ein
Zimmer für die Nacht und Schutz für das Auto zu finden.
Erleichtert, zumindest aus dem fahrenden Gefängnis, in
dem er den ganzen Tag verbracht hatte, befreit zu sein,
begann er, sich die bescheidene Ansammlung von Häusern
genauer anzusehen.
Zu seiner Erleichterung war nicht das geringste Anzeichen
für die Anwesenheit irgendeiner Art von organisiertem
Verbrechen zu entdecken. Zumindest sank damit die
Wahrscheinlichkeit, dass sich der Einfluss der Salazars
bis hierhin erstreckt haben könnte. Denn auch wenn die
Anführer tot, und die Organisation zerschlagen war, so
blieb doch immer etwas zurück. Es existierten mit
Sicherheit zahllose unauffällige ehemalige Mitarbeiter,
die jederzeit den Versuch wagen konnten, aus den Resten
einer Legende etwas Neues zu schaffen, und das nicht
unbedingt ohne Erfolg. Die Salazars hatten lange genug
über einen Großteil der illegalen Aktivitäten in
diesem Lande geherrscht. Es wäre unklug anzunehmen, dass
ihr Name oder ihr Brandzeichen schon nach so kurzer Zeit
in Vergessenheit geraten wäre.
Immerhin schien dies hier ein friedlicher, beinahe schon
idyllischer Platz zu sein, Tony fühlte sich fast
versucht zu denken, dass Jacks Wahl ein geschickter
Schachzug gewesen sein könnte. Denn sollte, trotz allem
der Gedanke aufkommen, er könnte noch am Leben sein, so
war Mexiko mit Sicherheit das letzte Land, in dem man ihn
vermuten würde.
Es war immer noch unglaublich heiß, auch wenn sich die
herannahende Dunkelheit schon erahnen ließ. Die Luft
schien in noch stärkerem Maße aufgeladen zu sein. Tonys
Haare klebten an seiner Stirn, und sein Durst begann
unerträglich zu werden.
Die Häuser hatte er weitgehend umlaufen, und war nun
dort angekommen, wo der Ort an einen kleinen, dicht
umwachsenen, grün glänzenden See grenzte.
Eine bunte Lichterkette mit mehreren kaputten Birnen wies
auf ein paar wackelige Tische und Stühle, an denen sich
offensichtlich einige Einheimische regelmäßig
versammelten, um den Feierabend einzuleiten. Noch war es
zu früh und zu heiß, als dass sich dort mehr als zwei
Leute aufhielten, und wie das Wetter sich zu
entwickeln schien, würde auch in der Nacht nicht viel
los sein.
Tony bestellte ein Wasser, und genoss es, die eiskalte
Flüssigkeit seine Kehle hinunterlaufen zu lassen.
Was soll`s? dachte er bei sich. Es war nicht
so als, ob heute noch etwas passieren würde, und
Michelle war weit fort in einem anderen Land. Sie wäre
nicht damit einverstanden, aber andererseits, sie würde
es auch nicht erfahren.
Er besorgte sich einen Tequila und stürzte ihn in einem
kräftigen Schluck hinunter, bevor er in die Zitrone biss.
So gut hatte ihm schon lange nichts mehr getan. Er atmete
tief auf und spürte die Wärme in seinen Magen
emporsteigen.
Gerade wollte er aufstehen, um sich noch einen Drink zu
holen, als er ihn sah.
Es gab keinen Zweifel, das blonde Haar, der Gang, er
hatte ihn doch schneller gefunden, als er bereit gewesen
war zu hoffen. Gerade noch gelang es ihm, den Impuls
aufzuspringen und auf ihn zuzulaufen zu unterdrücken,
als ihn etwas anderes aufhielt und ihn veranlasste,
reglos sitzen zu bleiben. Als Jack näher kam, wurde Tony
auch klar, was ihn irritiert, was sich an seiner
Erscheinung so extrem innerhalb der letzten Monate
verändert hatte. Er musste überaus viel an
Gewicht verloren haben, und da er ohnehin Zeit seines
Lebens schmal und sportlich geblieben war, fiel die Art,
wie das dunkle Hemd um seinen Oberkörper hing, als wäre
es mehrere Nummern zu groß, und die eng geschnittene
Jeans, die dennoch zu weit schien, ganz besonders auf.
Und dennoch war der Gang forsch, die Haltung aufrecht, so
wie Tony es in Erinnerung hatte.
Aber etwas anderes stimmte nicht. Jacks Blick war leer,
auch aus dieser Entfernung konnte er es unschwer
erkennen. Eine eiskalte Hand umfasste Tonys Herz, als es
ihm blitzartig klar wurde. Jack nahm seine Umgebung nicht
bewusst wahr, nicht auf die Art, die ihm zu seiner Natur
geworden war. Er hatte Tony nicht bemerkt, und er achtete
mit Sicherheit auch in keinster Weise auf irgendetwas
anderes, das sich um ihn herum abspielte, ein Verhalten,
das für jeden Agenten, der jemals im Feld tätig gewesen
war, undenkbar, und für Jack, solange er ihn kannte,
niemals in Frage gekommen wäre. Egal wie erschöpft, wie
übernächtigt er sein mochte, auf Jacks unbedingte
Aufmerksamkeit und Konzentration, war hundertprozentiger
Verlass.
Nur jetzt nicht! Was war mit ihm los? Tony stand auf,
alle Vorsicht vergessend. Er schuldete es ihm und sich
selbst, alles zu versuchen, um zu erfahren was geschehen
war.
Entschlossen trat er Jack in den Weg.
Kennen wir uns, Senor?
Jack zuckte zusammen und wich unwillkürlich ein Stück
zur Seite. Seine Augen weiteten sich vor Erstaunen, als
er sein Gegenüber erkannte. Doch nur für den Bruchteil
einer Sekunde, dann hatte er sich wieder im Griff.
Nicht, dass ich wüsste, ich bin nicht von hier!
antwortete er auf Spanisch und zuckte nachlässig mit den
Schultern, bereit seinen Weg fortzusetzen.
Ich bin auch nicht aus der Gegend. Anscheinend habe
ich mich sogar etwas verfahren und bis jetzt noch
niemanden gefunden, der mir weiterhelfen konnte.
Jack sah ihn forschend an.
Tony erwiderte seinen Blick mit einem harmlosen Lächeln.
Möchten Sie etwas trinken? Ich bezahle!
Zumindest bis das Gewitter über uns hereinbricht,
setzte er hinzu, mit einem Blick auf den grauen Dunst,
der von der gegenüberliegenden Seite des kleinen Sees
langsam aber stetig herüberzog.
Ohne Jacks Zögern Beachtung zu schenken, ließ er sich
zwei Gläser und eine Flasche aushändigen und setzte
sich wieder. Er füllte beide Gläser, und teilte eine
der bereitstehenden Zitronen in zwei Teile.
Endlich entschloss Jack sich ebenfalls Platz zu nehmen.
Was soll das? zischte er beinahe unhörbar
und griff nach der glänzenden Flüssigkeit.
Tony lehnte sich zurück und nickte ihm, wie er hoffte,
beruhigend zu.
Jack stützte sich mit einem Ellbogen auf den Tisch in
dem Versuch seine Lippenbewegungen zu verbergen.
Ist etwas mit Kim? fragte er, wobei er
vergeblich versuchte die aufsteigende Panik in den Griff
zu bekommen.
Tony schüttelte den Kopf und schloss beide Augen in
stummer Versicherung. Natürlich hätte er daran denken
müssen, dass Jack zu aller erst mit dieser Möglichkeit
rechnen würde.
Meine Leute wissen gar nicht wie gut sie es haben,
in diesen Breitengraden herrschen wirklich
unglaubliche Temperaturen. Ich glaube, kein Geld der Welt
würde meine Familie hier auch nur ihren Urlaub
verbringen lassen, ließ er beiläufig verlauten.
Zum ersten Mal zuckte ein kurzes Lächeln über Jacks
Gesichtszüge, nur einen kurzen Moment, dann war es
wieder verschwunden.
Also, ich fürchte, dass ich Ihnen nicht viel
weiterhelfen kann. So gut kenne ich mich hier auch nicht
aus.
Er hob sein Glas und leerte es in einem Zug.
Tony griff nach der Flasche und füllte es sofort wieder
bis zum Rand auf.
Immerhin ist hier der richtige, wenn nicht der
einzige Ort um guten Gewissens Tequila zu trinken!
Jack sah in ausdruckslos an. Er sagte kein Wort, und doch
konnte Tony seine Gedanken spüren. Es hatte eine Zeit in
seinem Leben gegeben, in der er sich mit Hilfe des
Alkohols hatte zerstören wollen, eine Zeit, die für ihn
schwerer gewesen war, als alles Vorangegangene. Ohne
Jacks Hilfe und ohne Michelle hätte diese Zeit sein Ende
bedeuten können, dessen war er sich immer bewusst
geblieben. Doch er wusste auch, dass Jack der Letzte war,
der ihm irgendwelche Vorhaltungen machen würde. Wenn
jemand das Gefühl kannte am Abgrund zu stehen, dann war
er es.
Tony umfasste sein Glas, doch er zögerte es anzuheben.
Vor Jahren schon hatten sie zusammen getrunken, noch
bevor sie begonnen hatten sich zu vertrauen, noch bevor
sie Freunde geworden waren. Nach Teris Tod, nachdem sie
beide von Ninas Verrat bis in ihre Grundfesten
erschüttert worden waren, war beinahe unbemerkt eine Art
Ritus entstanden. Ohne eine Übereinkunft oder
Verabredung hatten sie sich in regelmäßigen Abständen
getroffen und manchmal fast ohne Worte oder Blicke
nebeneinander gesessen, verbunden nur durch eine offene
Flasche Whiskey, deren Inhalt im Laufe des Abends rapide
abnahm. Es war das erste Geheimnis, das sie miteinander
geteilt hatten. Der Wunsch nach Kontrollverlust, den
keiner von ihnen jemals zugeben würde, schon allein, da
er in ihrem Beruf fatale Folgen haben konnte. Also
schwiegen sie darüber, schwiegen über ihr Bedürfnis,
von Zeit zu Zeit der Realität zu entkommen und die Welt,
wenn auch nur für ein paar Stunden leichter ertragen zu
können.
Es war Jahre her, und Tony hatte keine Ahnung, wieso ihn
ausgerechnet in diesem Augenblick Erinnerungen aus der
Vergangenheit einholten. Doch nach einem Blick in Jacks
Gesicht war ihm klar, dass sich auch Jack mit seinen
Gedanken nicht im Hier und Jetzt befinden konnte. Er
starrte mit leeren Augen an ihm vorbei, offensichtlich
vollkommen in seiner eigenen Welt. Wieder fragte sich
Tony welche Welt es sein mochte, aus der Jack sich nicht
zu lösen vermochte, möglicherweise nicht, seitdem er
Los Angeles zum letzten Mal verlassen hatte.
In der Ferne erklang Donnergrollen. Tony fröstelte.
Der Wind hatte aufgefrischt, sandte ein Brausen durch die
dichten Bäume, die begannen, sich unruhig seiner Macht
zu beugen, trocknete den Schweiß auf seiner Haut, bis
ihn schauderte. Doch die Kälte, die ihn die Natur
spüren ließ, war nichts im Vergleich zu der Kälte, die
sein Herz erbarmungslos umklammerte, sobald er die Augen
hob und in Jacks Gesicht blickte. Dunkelheit kroch herauf,
griff mit ihren langen Schatten nach ihnen, ließ Jacks
Gesicht noch bleicher aufleuchten, als es ihm in den
ersten Augenblicken erschienen war. Er wirkte wie ein
Gespenst, verloren zwischen grauen Wolken, schmal und
hohlwangig, mit dunklen, leeren Augen, die nichts
auszudrücken vermochten.
Jack... , Tony wusste nicht mehr was er noch
sagen sollte. Statt seiner sprach die Natur, heulte ihren
Unmut, ihre Verzweiflung hinaus, als könnte sie dadurch
irgendetwas ändern.
Die ersten Tropfen fielen, düster und schwer. Flinke
Hände huschten über die Tische, entfernten Gläser und
Flaschen, wie aus weiter Ferne erklangen spanische
Anordnungen, Bitten den Arbeiten auszuweichen. Ein Blitz
zuckte, und riss Tony endlich in die Gegenwart zurück.
Komm Jack - wir gehen!
Ja... . Jack richtete sich auf und blickte
zur Seite. Doch Tony hatte das verräterische Glitzern in
seinen Augen beinahe instinktiv wahrgenommen, und so sehr
es ihn erschütterte, so sehr spürte er auch die
Erleichterung, die ihm das Bewusstsein verschaffte, in
Jack noch Emotionen wahrnehmen zu können. Er wusste,
dass das nicht selbstverständlich war. Vorsichtig, wie
um ihn nicht abzuschrecken, fasste er ihn an der Schulter
und zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln.
Höchste Zeit vor dem Unwetter Schutz zu suchen!
Er schob ihn vorwärts, erschrocken darüber wie deutlich
seine Wirbelsäule unter dem dünnen Hemd zu ertasten war.
Auch Jack zitterte nun. Der Sturm wirbelte Staub,
Blätter und Tischdecken durcheinander, verknotete die
Lichterketten, die eilig entfernt wurden und zerrte an
ihrer Kleidung. Kurz entschlossen packte Tony ihn am Arm
und zog ihn mit sich, suchte Schutz zwischen Häusern und
Mauern, drängte weiter, bis sie das Haus erreichten, in
dem ein Zimmer auf ihn wartete.
Nass bis auf die Knochen traten sie ein, Tony ergriff
einen der beiden vorhandenen Zimmerschlüssel und
bemühte sich in der plötzlich eingetretenen Schwärze
der Nacht die Tür zu öffnen. Klamme Hände umfassten
mit einem Mal die Seinen. Mit schlafwandlerischer
Sicherheit zwang Jack den Schlüssel zu einer Umdrehung
und die Tür öffnete sich mit einem Knarzen. Ein Blitz
erhellte das Zimmer für einen kurzen Moment, und Tony
entdeckte ein Funkeln in Jacks Augen, oder auch nur ein
Spiegeln der Naturgewalten, die von Mauern und Fenstern
mühsam zurückgehalten wurden. Aber dann hörte er eine
Stimme, die ihm versicherte, dass der Funke lebendig
gewesen, dass sein Freund sich hier bei ihm befand, in
diesem Zimmer, in diesem Sturm, in diesem Land.
Zusammen schaffen wir das. Die nackte
Glühbirne flackerte, aber es gelang ihr ein trübes
Licht zu verbreiten. Jack zitterte wieder. In raschem
Gang durchschritt Tony den Raum, öffnete den Verschluss
seiner Reisetasche, zog ein paar trockene
Kleidungsstücke und ein Handtuch heraus und warf sie in
seine Richtung. Zieh lieber das an, fügte er
hinzu, und bemühte sich gleichzeitig seine nassen Locken
trocken zu rubbeln, bevor er sich ebenfalls seiner
feuchten Sachen entledigte.
Jack war bereits fertig, hatte sich in Ermangelung einer
anderen Sitzgelegenheit auf das Bett gesetzt, die Knie
angezogen und mit seinen Armen umfasst, als versuche er
sie zu wärmen. Das sparsame Licht warf hier und da ein
Glitzern in die blonden Strähnen, die durch die
gnadenlose Sonne Mexikos ausgebleicht und ungewohnt hell
erschienen. Und Tony verspürte den Wunsch ihm zu helfen,
ihm von seiner Stärke abzugeben, bis die Dämonen, die
ihn jagten, sich verkrochen haben würden. Dass sie
niemals vollkommen verschwinden würden, wusste er, denn
es waren die selben, die ihm auflauerten, in den Momenten,
in denen er sich am sichersten vor ihnen glaubte. Und er
wusste auch, dass er nur von einem Bruchteil der
Heerscharen heimgesucht wurde, die Jack verfolgten.
Fast hätte es in seinen Mundwinkeln gezuckt, als er sich
daran erinnerte, wie er von Jack gedacht hatte, noch
bevor ihm all das nach und nach klar geworden war, bevor
die Erkenntnis wie ein steter Tropfen in seinen Verstand
eingesickert und ihn zu einem anderen Menschen gemacht
hatte. Noch vor seiner Zeit mit Nina, während der sie
seine Eifersucht beinahe zu Feinden gemacht hätte, war
er regelmäßig durch Jacks Verhalten irritiert worden.
Seinen harschen Kommandoton hatte er immer wieder
fälschlicherweise als Arroganz eingestuft, die ihn
zugleich abgestoßen und verunsichert hatten. Erst viel
später war ihm klar geworden, dass Jack die Gabe besaß,
sich ausschließlich und ohne Rücksichtnahme auf eine
Sache zu konzentrieren, alles andere vollständig
auszublenden, bis er sein gesetztes Ziel erreicht hatte.
Und sehr häufig gelang ihm das, wenn auch immer wieder
zu einem sehr hohen Preis.
Damals war er ihm unheimlich gewesen, er hatte etwas in
ihm gesehen, das sein ständiges Misstrauen geweckt hatte.
Von seinem Posten im Inneren der CTU aus beobachtet, war
ihm der jüngere Mann mehr als einmal unstet und
gefühlsgeleitet erschienen, ganz zu schweigen von seiner
permanenten Angewohnheit die Regeln außer Acht zu lassen.
Seine Berichte waren trotzdem stets fehlerlos, seine
Aufträge meist erfolgreich ausgeführt worden. Und
dennoch gab es ungewöhnlich viele Grauzonen in seinen
Akten, Berichte, die verschlossen, Jahre in seinem
Lebenslauf, die der Geheimhaltung unterlagen, und
Verbindungen, die unerklärlich erschienen.
Erst später war ihm klar geworden, dass sein Interesse
an Nina erst geweckt worden war, nachdem er Jacks
Beziehung zu ihr wahrgenommen hatte. Lange Zeit war er
der Meinung gewesen, dass seine Konzentration auf Jack in
erster Linie auf dem Wunsch beruhte die CTU zu schützen,
erst viel später hatte er erkannt, dass es schon damals
etwas anderes gewesen war.
Und obwohl sie mehr als einmal heftig aufeinander
gestoßen waren, sich immer wieder ohne Rücksicht
bekämpft hatten, war dort von Anfang an diese
unausgesprochene, unsichtbare Verbindung gewesen, dieses
Band, das sie aneinander kettete, und das auch Jack, wie
er in einem stillen Moment nach vielen Jahren einmal
zugegeben hatte, stets spürte, egal wie unerbittlich der
Sturm um sie herum auch toben mochte. Der Wind
heulte durch den kleinen mexikanischen Ort, Regen
prasselte mit unerbittlicher Wucht gegen die bebenden
Fensterscheiben, durch die zahlreichen Ritzen des
Gemäuers sickerte die ungewohnte Kälte stetig in den
kleinen Raum, in dem Tony und Jack Zuflucht gesucht
hatten. Obwohl es keinen Unterschied zu machen schien,
bemühte sich Tony die dünnen Vorhänge so gut wie
möglich zu schließen, als wäre er auf dieser Art in
der Lage ein wenig Wärme zu bewahren.
Jack starrte an die gegenüberliegende Wand,
offensichtlich in seinen Gedanken weit entfernt von
diesem Ort, die Augen groß und dunkel, die Knie
angezogen, den Körper angespannt, als wollte er die Welt
um sich herum ausschließen.
Tony schluckte bei den Erinnerungen an die ungezählten
Male, die er ihn so gesehen hatte, nach Teris Tod, vor
und nach Mexiko, unter dem Einfluss starker Drogen oder
wenn der Entzug ihn bis an seine Grenzen gebracht
hatte. Er spürte wie seine Hände zu zittern begannen,
und wusste, dass diesmal nicht die Kälte der Grund
dafür sein konnte.
Ein plötzlicher Entschluss ließ ihn zu seiner
Reisetasche zurückkehren, aus derem Inneren er eine
sorgfältig eingewickelte Halbliterflasche Whiskey ans
Licht beförderte. Er konnte sich nicht mehr daran
erinnern, was ihn dazu bewogen hatte, sich diese,
während der langen Fahrt zu besorgen, er hatte aus
Instinkt gehandelt, ohne darüber nachzudenken.
Vielleicht hatte ihn auch die Aussicht getrieben, lange
Abende alleine verbringen zu müssen, ohne eine Spur von
Jack zu entdecken, oder weitaus schlimmer - die Angst
davor, was er auf seiner Suche unter Umständen entdecken
würde.
Auf jeden Fall war er jetzt mehr als froh über diese
kleine Hilfe, über jede Möglichkeit sich vor der
tobenden Natur da draußen einen, wenn auch noch so
zerbrechlichen, Schutzwall zu errichten.
Er öffnete den glänzenden Verschluss und setzte sich
mit einem Seufzen neben Jack auf das Bett. Die Glühbirne
flackerte wieder, gleichzeitig durchschnitten Blitz und
Donner die Luft, ließen Elektrizität spürbar und
sichtbar werden.
Hier, trink etwas. Dann wird dir wärmer!
Jack sah ihn nicht an, als er nach der Flasche griff und
ein paar tiefe Schlucke nahm. Er hustete trocken, aber
führte den Flaschenhals sofort wieder zum Mund, als
würde sein Leben davon abhängen.
Endlich schien er genug zu haben. Er lehnte sich zurück
und ließ den Arm mit der Flasche in seinen Schoß sinken.
Tony ergriff sie und hob sie empor, als er das Leben in
Jack zurückkehren spürte.
Nicht, Tony! Jack versuchte ihm den Whiskey
zu entziehen.
Das ist in Ordnung, Jack! Tony wollte ihm
zulächeln, aber seine Gesichtszüge wollten ihm nicht
gehorchen.
Nein, das ist es nicht. Für dich nicht!
flüsterte Jack, beinahe unhörbar, beugte sich aber dann
entschlossen zu ihm hinüber, um ihm die Flasche aus den
Händen zu nehmen und auf dem Boden abzustellen.
Tony seufzte und gab nach. Hör zu, Jack! Er
zögerte, suchte nach Worten, und entschloss sich
schließlich, ohne Umwege auf den Kern der Sache
zuzugehen. Sie hatten bereits genug Zeit verloren.
Es geht hier nicht um mich. Ich bin hier, weil ich
mir Sorgen mache, Sorgen um dich.
Ein greller Blitz schlug in unmittelbarer Nähe ein,
dicht gefolgt von ohrenbetäubendem Donnergrollen, das
beide zusammenzucken ließ. In dem weißen Licht
leuchtete Jacks Gesicht für einen Moment auf, ließ für
Tony keinen Zweifel daran erkennen, welches Unbehagen ihm
seine Bemerkung bereitet haben musste. Jack sah ihn kalt
an.
Das ist wirklich nicht notwendig. Ich kann auf mich
aufpassen.
Das sehe ich. Tony schnalzte mit der Zunge
und massierte sich mit einer Hand die Schulter.
Nachdenklich atmete er aus.
Ich will ganz ehrlich zu dir sein. Als ich erfahren
habe, wo du dich aufhältst, habe ich einen ziemlichen
Schreck bekommen.
Jacks Kopf schnellte nach oben. Du solltest erst
gar nicht mit dem Suchen anfangen.
Der andere Mann nickte. Du hast recht, ich... ,
er stockte, doch fuhr dann rasch fort. Der Gedanke,
du könntest in Mexiko sein, hat mich nicht mehr
losgelassen.
Jack fuhr sich durch die Haare und sah konzentriert in
die Nacht hinaus, Tonys Blick willentlich vermeidend.
Hier zu sein ist verrückt, das muss dir doch klar
sein.
Nicht verrückter, als sich an irgendeinem anderen
Ort zu verstecken, erwiderte Jack bitter.
Tony schüttelte den Kopf, spürte die unsichtbare Mauer,
hinter der sich der Freund verschanzte, die vermaledeite
Mauer aus Verstocktheit, Verzweiflung und Eigensinn, die
er schneller errichtete, als sie eingerissen werden
konnte.
Ich weiß nicht recht. Tony entschied
sich für Ehrlichkeit, als einzige Möglichkeit die
Fassade zu durchdringen. Er bewegte sich auf Jack zu,
blieb direkt vor ihm stehen, obwohl der andere
geflissentlich an ihm vorbei sah. In seine Stimme
versuchte er gleichzeitig Ruhe und Überzeugungskraft zu
legen, dankbar für jede Ausbildung in Verhörtechniken,
auch wenn ihm klar war, dass Jack ein ähnliches Training
mit vermutlich erheblich mehr Praxis in Stresssituationen
absolviert hatte.
Jack! Die tiefere Tonlage, in die er
schließlich wechselte, bewirkte ein Hochziehen der
Augenbrauen, und endlich wieder Sichtkontakt, so dass
sich Tony bemühte, rasch weiterzusprechen. Es geht
dir nicht gut, ich sehe das doch. Und das ist, weiß Gott,
auch kein Wunder, wenn man die Umstände bedenkt.
Jack setzte zu einer Antwort an, aber Tony war fest
entschlossen, sich nicht unterbrechen zu lassen. Du
hast mir im Laufe der vergangenen Jahre, mehr als einmal
aus der Patsche geholfen, oft genug in Momenten, in denen
ich nicht weiter wusste, in denen ich mich aufgegeben
hatte.
Er setzte sich zu Jack aufs Bett, nahm seine Hand und
drückte sie versichernd, gab vor die Bewegung nicht zu
bemerken, mit der andere zurückschreckte.
Lass mich diesmal, nur dieses Mal, lass mich dir
helfen. Mit seiner anderen Hand umschloss er Jacks
kalte Finger, fing seinen Blick und hielt ihn fest.
Bitte Jack... .
Schweigen entstand unausweichlich. Die plötzliche Stille
wirkte beunruhigend, wurde nur durch das gleichmäßige
Plätschern des Regens untermalt, bis ein erneutes
Donnergrollen, diesmal jedoch in deutlicher Entfernung,
erklang. Die Spannung war mit einem Mal aus dem Raum
gewichen, die Elektrizität in der Luft, der Druck, der
den ganzen Tag über ihnen gelastet hatte, hatte Platz
gemacht für ein befreites Aufatmen von Natur und Mensch.
Tony spürte den inneren Kampf seines Gegenübers,
erkannte den Streit zwischen Stolz und Erschöpfung,
wünschte einen Moment, dass die Erschöpfung Überhand
gewinnen würde, schämte sich im gleichen Augenblick
für diesen Wunsch. Jacks Augen spiegelten seine
Emotionen wieder, lieferten das deutliches Bild eines
Mannes, der es nicht gewohnt war nachzugeben, der Zeit
seines Lebens mit allen Mitteln und gegen jeden
Widerstand seinen Willen durchgesetzt hatte, und nun kurz
davor war, über seinen Schatten zu springen, einen Teil
der Last abzugeben, ein wenig von dem Gewicht, das ihn
niederdrückte, zu teilen. Doch mit einem Mal
erwachte etwas in den ausdrucksvollen Augen. Tony fuhr
herum. Der Jack, der sich von einer Sekunde auf die
andere vor ihm offenbarte, war ihm lange Jahre vertraut.
Wie ein Panther, geduckt und sprungbereit, lauerte er auf
etwas, das nur mit seinen ausgeprägten Instinkten erahnt
werden konnte. Katzenartig entzog sich Jack Tonys Griff,
glitt vom Bett und bewegte sich lautlos Richtung Tür. Er
kauerte sich nieder und nestelte an seinen Schuhen herum,
bevor er sich wieder aufrichtete. Tony wollte seine Waffe
hervorsuchen, aber als er Anstalten machte sich zu
erheben, bedeutete Jack ihm, in seiner Position zu
verharren. Der Regen wusch mittlerweile gewaltsam den
letzten Rest Staubes oder Sandes von Häusern, Straßen
und Fenstern, reinigte die Welt von Zweifeln und
Unklarheiten, ließ allein das Wesentliche, Beständige
hervortreten. Tony lauschte, doch mit Ausnahme der
Geräusche, die das Unwetter verursachte, konnte er
nichts Weiteres ausmachen. Schneller, als Tony es
erwarten konnte, ergriff Jack die Initiative. Er öffnete
die Tür mit einem Stoß, der ein krachendes Geräusch
verursachte, so würde ein Hindernis gewaltsam zerbrochen
werden.
Geistesgegenwärtig rollte Tony sich hinter das einzige
Möbelstück, das ihm Deckung geben konnte, und entkam im
letzten Moment einem pfeifenden Kugelhagel. Gerade noch
erhaschte er einen Blick auf Jack, der sich ebenfalls
hatte auf den Boden fallen lassen, um dem nächsten
nächtlichen Besucher mit einem gezielten Tritt die Beine
unter dem Körper hinwegzuziehen. Die Kugeln hörten auf
die dünnen Wände zu durchschlagen, ein Schmerzensschrei
und heftiges Keuchen waren zu hören, ein dumpfer
Aufschlag, dann nur noch hastige Schritte, die sich
entfernten.
Jack? Tony erhob sich vorsichtig, suchend in
der Dunkelheit, da die einzige Lichtquelle im Raum ein
Opfer der Schüsse geworden war, mit einem Knall
zerplatzend, Funken und feine Glasscherben über
Bett und Boden regnend.
Die vertraute Silhouette stand unbeweglich inmitten des
Zimmers, beinahe unwirklich in ihrer Regungslosigkeit.
Jack?
Unsicher taumelnd versuchte Tony sich ihm zu nähern.
Ich komme mit, Tony.
Er zitterte leicht.
Jetzt sofort, welchen Ort auch immer du
vorschlägst, ich vertraue dir.
Jack streckte seine Hand aus, die Tony aufatmend ergriff.
Verdammt Jack, das ist ein Wort. Er lachte
befreit auf. Nur eines noch, wer, zum Teufel war
das?
Jack drehte sich um, stieg achtlos über den
bewegungslosen Körper hinweg, der die Türschwelle
blockierte.
Spielt das eine Rolle?
Eigentlich nicht, dachte Tony, als er ihm in
die Nacht hinaus folgte.
Für Jack hatten die Ereignisse der Vergangenheit und der
Zukunft ihre Bedeutung verloren, es ging für ihn nur
noch um eines - um das Leben selbst.
Ende
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